Wer bei schwüler Gewitterluft vor die Tür geht und feststellt, dass die Frisur nicht mehr die ist, die sie am Morgen war, hat gerade eine bauphysikalische Messung durchgeführt. Unkalibriert und ohne Skala, aber im Prinzip korrekt. Genau diese Beobachtung war der Ausgangspunkt für das erste Messgerät, mit dem sich die relative Luftfeuchte reproduzierbar bestimmen ließ.
Der Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure (1740 bis 1799), heute eher als Vater der Alpenforschung bekannt, brauchte bis 1783 rund fünf Jahre, um aus dieser Alltagsbeobachtung ein Instrument zu machen. Dass sich organische Materialien bei Feuchte verändern, war lange bekannt. Man hatte es mit Darmsaiten, Fischbein, Papier und Holz versucht. Alle reagierten. Keines reagierte so, dass zwei Geräte an zwei Orten denselben Wert angezeigt hätten.
Saussures Haarhygrometer schaffte das. Es wurde im Messnetz der Societas Meteorologica Palatina eingesetzt, einem der ersten grenzüberschreitenden Wetterbeobachtungsnetze überhaupt. Die Meteorologie hatte damit ihre erste vergleichbare Feuchteangabe, und die Bauphysik ihr erstes Messverfahren.
Haar besteht überwiegend aus Keratin, einem Faserprotein mit reichlich hydrophilen Gruppen. Steigt die Luftfeuchte, lagern sich Wassermoleküle zwischen die Molekülketten, die Faser quillt und wird länger. Sinkt die Feuchte, gibt sie das Wasser wieder ab und zieht sich zusammen. Zwischen 0 und 100 Prozent relativer Luftfeuchte beträgt die Längenänderung etwa 2,5 Prozent, im Mittel also rund 0,25 Prozent je 10 Prozent Feuchteänderung. Bei einem 100 Millimeter langen Haarbündel sind das ganze 2,5 Millimeter. Ein Hebelwerk übersetzt diese Bewegung auf den Zeiger.
Ganz so brav ist die Sache allerdings nicht. Die Längenänderung verläuft nicht linear, sondern wird mit steigender Feuchte immer geringer. Die Skalenteilung ist unten großzügig und wird nach oben hin eng. Ausgerechnet im Bereich zwischen 70 und 80 Prozent, der für die Beurteilung einer Schimmelgefährdung entscheidend ist, gibt das Instrument also am wenigsten her.
Gute Haarhygrometer liegen im mittleren und hohen Feuchtebereich bei etwa ±3 Prozent, im niedrigen bei rund 5 Prozent, und wer das Gerät längere Zeit in trockener Luft betreibt, muss mit deutlich größeren Abweichungen rechnen. Abhilfe schafft die Regeneration: das Messelement mit destilliertem Wasser befeuchten oder das ganze Gerät etwa eine Stunde in ein feuchtes Tuch wickeln.
Das Haar tut nichts anderes als ein guter Baustoff. Es nimmt Wasserdampf aus der Raumluft auf und gibt ihn wieder ab. Genau dieses Sorptionsverhalten beschreibt auch die Feuchteaufnahme von Lehm, Holz, Kalkputz und Ziegel.
Wer verstanden hat, warum das Haar länger wird, versteht auch, warum ein Lehm- oder Kalkputz Feuchtespitzen aus Kochen, Duschen und Wäschetrocknen abfängt, während eine mit Dispersionsfarbe versiegelte Gipsplatte diese Spitzen einfach an die kälteste Stelle im Raum weiterreicht.
Das Hygrometer misst die Raumluft, nicht die Wand. Schimmel wächst aber an der Oberfläche, und dort ist es kälter und die örtliche relative Feuchte entsprechend höher.
Menschenhaar war über Jahrhunderte ein gehandeltes Wirtschaftsgut, für Perücken, Bürsten, Pinsel und eben Messgeräte. Am Bau war es die tierische Variante: Kälber- und Rosshaar diente als Armierung in Kalkputz und Stuck, Rosshaar außerdem als Füllung von Matratzen und Dämmmatten.
Heute läuft der Handel in die andere Richtung. Haar wird weniger verarbeitet als verpflanzt, und der Markt hat sich geografisch stark konzentriert, so sehr, dass die Haartransplantation in Istanbul inzwischen fast wie eine eigene Branchenbezeichnung verwendet wird. Die Hygrometerhersteller sind derweil längst auf Kunststofffasern umgestiegen. Die Keratinfaser ist ein Wirtschaftsgut geblieben, nur die Verwendung hat gewechselt.
Ja, als Ergänzung. Ein Haarhygrometer kostet wenig, läuft ohne Batterie, hält Jahrzehnte und muss einmal im Jahr regeneriert werden. Neben ein Infrarotthermometer für die Oberflächentemperatur gehört es trotzdem.
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